Verfolgt und unvergessen

Alfred Ries

Alfred Ries (1897-1967) prägte als 1. Vorsitzender Werder Bremen in mehreren Amtszeiten wie kaum ein anderer. Viele Entwicklungen, die bis heute von großer Bedeutung sind, stehen mit ihm in Verbindung. 

Ries trat bereits als Schüler dem damaligen Fußball-Verein „Werder“ bei, der damals noch auf der anderen Weserseite in Huckelriede sein Zuhause hatte. Er rückte als 16-Jähriger sogar in die ersten Herrenmannschaft auf, die ab 1914 durch Einsätze an den Fronten des Ersten Weltkrieges stark ausgedünnt war. 1923 wurde er im Alter von 25 Jahren zum ersten Mal zum 1. Vorsitzenden gewählt, danach erneut 1923, 1926, 1927, 1929 und 1930. 

In den von internen Auseinandersetzungen geprägten 1920er Jahren trat er als Versöhner auf und führte den Verein zusammen. Früh erkannte er auch die Bedeutung des Sports für die interkulturelle Verständigung. So organisierte er 1928 ein Spiel Werders gegen die Olympiaauswahl der USA, die sich auf dem Rückweg von den Olympischen Spielen in Amsterdam befand. In vielen Fällen nutze er als Führungskraft bei Kaffee Hag sein berufliches Netzwerk für die Unterstützung sportlicher Aktivitäten. 

In seiner letzten Amtszeit vor seiner Flucht aus Deutschland zog der Verein als Hauptpächter in das umbenannte Weser-Stadion ein. 

Auf der Flucht

Bereits 1931 wurde Ries in der Bremer Nationalsozialistischen Zeitung aufgrund seiner jüdischen Herkunft persönlich angegriffen. Kurz vor der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler verließ er Bremen und floh über Stationen in München und Marienbad nach Zagreb, wo er im Januar 1934 ankam. Trotz mehrerer Verhaftungen überlebte er in Südosteuropa die NS-Zeit. Seine Eltern wurden im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet. 1946 kehrte Ries nach Bremen zurück, wo er den Neuaufbau des Vereins unterstützte und auf der Generalversammlung am 03. Oktober 1947 erneut zum 1. Vorsitzenden gewählt wurde.  

Und wieder nutze er den Sport, um erste Schritte der Versöhnung zu gehen: schon 1948 lud er schwedische Leichtathleten zu einem internationalen Wettkampf im Weserstadion ein. Auch außerhalb Bremens waren sein Können, seine gewinnende Persönlichkeit und seine Haltung nach dem Krieg gefragt: Ob als stellvertretender Vorsitzender des Norddeutschen Fußball-Verbandes oder als Referent für Presse- und Werbefragen des Deutschen Fußballbundes. Außerdem war er Gründungsvorsitzender der Deutschen Olympischen Gesellschaft Bremen und Anfang der 1950er Jahre auch Vizepräsident des Deutschen Sportbundes. 

Der Versöhner

Sein größter sportlicher Erfolg war allerdings seiner letzten Amtszeit im höchsten Werder-Amt vorbehalten: der Gewinn der ersten Deutschen Meisterschaft 1965. Zwei Jahre später starb Ries an einer schweren Krebserkrankung. 

Mit zunehmendem Abstand zu seinem Wirken bei Werder gerieten Ries und seine Verdienste um den Verein dennoch langsam in Vergessenheit. Ähnlich wie im Fall des ehemaligen jüdischen Präsidenten von Bayern München, Kurt Landauer, wurde auch das Andenken an ihn von engagierten jungen Fans und Historikern wiederbelebt. Sie zeigten ein Gespür für die ungeheure Leistung, nach allem, was er während des Nationalsozialismus erlebt hat und was mit seiner Familie geschehen ist - in das Land der Täter zurückzukehren und seine Kraft dem Wiederaufbau von Sport, Wirtschaft und Politik zu widmen. Davon hielten ihn auch die Enttäuschungen beim Kampf um Widergutmachung nicht ab. Er musste erleben, wie ehemalige Nazis in den Amtsstuben wieder über seine Anliegen entschieden. Aber sein Motto war „wer Versöhnung will, muss sie praktizieren“. Offensichtlich meinte er das ernst. 

Der SV Werder Bremen hält das Andenken an seinen ersten Ehrenvorsitzenden unter anderem mit einem Wandbild in der Ostkurve wach. Im August 2018 wurde beim „Tach der Fans“ der Platz vor der Westkurve des Weserstadions in „Alfred-Ries-Platz“ umbenannt. Auf dem jüdischen Friedhof in Bremen Hastedt wo er begraben liegt, erinnert seit 2017 eine Gedenktafel an Alfred Ries. Einen Werderaner, der es trotz persönlicher Entbehrungen verstand, Menschen zusammenzubringen. 

 

Verfolgt und unvergessen

i

Herzlich Willkommen

100 Jahre Weserstadion - Tauche ein in ein bewegtes Jahrhundert voller großer Sportmomente, magischer Nächte und einzigartiger Atmosphäre.