Vier Wunder von der Weser

Ein Stadion, vier Wunder. Die „Wunder von der Weser“ ereigneten sich zwischen 1987 und 1999, sind aber bis heute so präsent, dass die Fans selbst bei hohen Werder-Rückständen die Hoffnung nicht aufgeben. Zumindest dann, wenn im Weserstadion das Flutlicht brennt.

(Bild: IMAGO)

Wunder 1:
Spartak Moskau – Im Zeichen des Nebels 

Das Nebelhorn als Jubelfanfare bei Werder-Toren wurde zwar erst 2004 eingeführt – perfekt gepasst hätte es aber schon 1987 zu den beiden Zweitrunden-Spielen im Uefa-Pokal gegen Spartak Moskau.  

Schon der Hinflug stand unter keinem guten Stern. Aufgrund dichten Nebels konnte nur eine von zwei gecharterten Maschinen starten, zahlreiche VIPs mussten in Bremen bleiben. Selbst die gestartete Maschine erreichte Moskau erst nach einem mehrstündigen nächtlichen Zwischenstopp in Vilnius. Noch schlimmer war allerdings die 1:4-Klatsche, die die Mannschaft als Bordgepäck mit auf den Rückflug nahm. 

Zum Rückspiel kamen lediglich 16.000 Zuschauer – und selbst die konnten nur eingeschränkt sehen, was sich auf dem Rasen abspielte. Durch die damalige Baulücke in der Westkurve zog der Abendnebel ungehindert von der Weser ins Stadion. Der Schiedsrichter verzichtete auf einen Abbruch, und Werder spielte sich nach der frühen Führung durch Karl-Heinz Riedle in der 2. Minute in einen Rausch. 4:1 hieß es nach 90 Minuten, am Ende der Verlängerung 6:2.  

„Eine perfekte Inszenierung“, nannte Werder-Manager Willi Lemke das Spiel – auch ohne Nebelhorn.

Wunder 2:
Dynamo Berlin – Willis Elektro-Falle 

Ein Jahr später griff Lemke tief in die Trickkiste, um die 0:3-Niederlage des frisch gebackenen deutschen Meisters im Erstrunden-Hinspiel des Europapokals der Landesmeister beim BFC Dynamo auszubügeln. Im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark hatten – ein Jahr vor der Wende – zahlreiche Zuschauer vergeblich gehofft, dass Werder dem in der DDR ungeliebten Stasi-Klub eine Lektion erteilen würde. 

Am Tag des Rückspiels organisierte der Werder-Manager für die Dynamo-Spieler kurzerhand eine Shopping-Tour durch die Bremer Innenstadt – inklusive Werder-Rabatt bei Elektro-Barlage. „Wir haben uns mehr Gedanken um unsere Elektrogeräte als um das Spiel gemacht“, gab Dynamo-Stürmer Thomas Doll später zu.  

Den Rest der mentalen Gegenwehr raubte Werder-Stürmer Manfred Burgsmüller den Berlinern. Er trat vor Spielbeginn gegen die Tür der Gästekabine und brüllte: „Kommt raus, ihr Feiglinge – heute seid ihr dran!“ Etwas mehr als 70 Minuten später erzielte er den vierten Treffer zum ungefährdeten 5:0-Sieg. 

Wunder 3:
RSC Anderlecht  –  Torrausch bei Werder-Wetter 

Sogar nur eine Halbzeit blieb Meister Werder, um 1993 in der Gruppenphase der ein Jahr zuvor gegründeten Champions League ein 0:3 gegen den RSC Anderlecht aufzuholen. 

Diesmal halfen weder Nebel noch Konsumrausch, sondern Dauerregen und Kälte. Dazu kam der Schachzug, Mario Basler von hinten rechts auf die Spielmacherposition zu ziehen, die der kränkelnde Andreas Herzog zur Pause räumen musste. 

Am liebsten wäre er auch in der Kabine geblieben, sagte Wynton Rufer später – so sehr habe er gefroren. Zum Glück kehrte er anders als zigtausend frustrierte und frierende Zuschauer auf den Platz zurück. In der 66. Minute leitete er die Aufholjagd nicht nur selbst ein, sondern vollendete sie kurz vor Schluss mit dem Treffer zum 5:3.

Wunder 4:
Olympique Lyon – „Pizza-Toni“ liefert 

Haarscharf dem Abstieg entronnen, hatte sich Werder unter dem neuen Trainer Thomas Schaaf durch den sensationellen Pokalsieg gegen Bayern München 1999 für den UEFA-Pokal qualifiziert.  

Nach einer deftigen 0:3-Packung im Hinspiel bei Olympique Lyon in der dritten Runde kamen lediglich 9.559 Zuschauer zum Rückspiel ins Weserstadion – natürlich mal wieder bei Werderwetter.  

Doch die wurden belohnt: Durch Tore von Bode, Herzog und Baumann hatte Werder das Hinspielergebnis nach 54 Minuten ausgeglichen. Dann startete Ailton in der 77. Minute einen Konter, stürmte fast über den gesamten Platz und servierte den Ball kurz vor dem Tor seinem jungen Kollegen Claudio Pizarro perfekt auf den Fuß. „Pizza-Toni“, so wie Werders neues Traumduo getauft wurde, hatte wieder geliefert. 

Perfekt war damit auch das vierte Wunder von der Weser.

Vier Wunder von der Weser

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