Wunder aus Beton

Die Baugeschichte des Bremer Weserstadions ist eng mit der Entwicklung des modernen Fußballs verbunden. Über viele Jahrzehnte hinweg wandelte sich die Spielstätte von einem klassischen Multifunktionsstadion für verschiedene Sportarten zu einer reinen Fußballarena.

Meisterschaft 1965 beschleunigt Baumaßnahmen

Als das Stadion 1926 unter dem Namen „ABTS-Kampfbahn“ eröffnet wurde, hatte Architekt Walter Fricke es als Mehrzweckanlage konzipiert. Neben Fußball fanden hier vor allem Leichtathletikwettbewerbe, Turnveranstaltungen und andere Sportfeste statt. Das Spielfeld war von einer Laufbahn umgeben, die die Zuschauer auf Distanz zum Fußball-Geschehen hielt – typisch für die Stadionarchitektur jener Zeit.

Bis 1949 erfuhr das Stadion kleinere Veränderungen. Bei der ersten größeren Erweiterung wurden Teile der Stehränge erhöht und mit sanitären Anlagen ausgestattet. Ab 1958 ermöglichte die neue Flutlichtanlage stimmungsvolle Abendspiele in der Oberliga. Mit dem Aufstieg des Profifußballs in den 1960er- und 1970er-Jahren stiegen die Anforderungen an die Stadien erheblich. Zur Einführung der Fußball-Bundesliga 1963 erhielt die Gegengerade eine Überdachung. Zwei Jahre später gewann der SV Werder Bremen seine erste Deutsche Meisterschaft – ein Erfolg, der weitere Baumaßnahmen beschleunigte. Die beiden Kurven wurden um Oberränge erweitert und das Stadion erhielt ein moderneres Erscheinungsbild.


Rückschlag durch DFB - kein WM-Stadion

Anfang der 1970er Jahre geriet das Weserstadion im bundesweiten Vergleich jedoch ins Hintertreffen. Während andere Bundesligastandorte ihre Stadien für die Weltmeisterschaft 1974 umfassend modernisierten oder sogar neu bauten, verzichtete Bremen auf eine Bewerbung als WM-Spielort. Statt eines grundlegenden Neubaus blieb es bei einer Modernisierung der bestehenden Haupttribüne mit neuem Dach.

1977 erhöhte sich der Druck auf die Stadt als Stadionbetreiber. Das veraltete Stadion generierte nicht genügend Zuschauereinnahmen, und der DFB drohte aufgrund der angespannten finanziellen Situation sogar mit dem Entzug der Bundesliga-Lizenz. Die Konsequenz war 1978 der Bau einer neuen Nordtribüne. Die zweigeschossige Tribüne bot nun rund 9.500 Sitzplätze, zudem erhielt das Stadion eine neue Flutlichtanlage.

Nord, West, Süd, Ost - schrittweise Modernisierung

Aus finanziellen Gründen erfolgte die Modernisierung der übrigen Stadionteile nur schrittweise. 1988 wurde zunächst die marode Westkurve neu errichtet und wenige Monate später – nach dem Gewinn der zweiten Deutschen Meisterschaft – die ikonische Anzeigentafel in der Ostkurve eingeweiht. Die zunächst in der Westkurve noch erhaltenen Stehplätze wurden 1994 in Sitzplätze umgewandelt. Die alte Südtribüne aus dem Jahr 1926 war zu diesem Zeitpunkt bereits Geschichte. Zwischen 1990 und 1992 entstand dort in zwei Bauabschnitten eine neue Tribüne mit Leichtathletikhalle, Kraftraum, Büros und zwei Restaurants.

Vor allem aber markierte dieser Neubau einen entscheidenden Schritt auf dem Weg zum modernen Fußballstadion. Mit 37 Logen für 364 Gäste entstanden die ersten VIP-Logen in einem deutschen Stadion überhaupt.

So auch beim Neubau der Ostkurve, die 1997 als letzter Stadionbereich ein Dach erhielt. Engagierte Fans setzten durch, dass im unteren Bereich der Kurve 5.000 Stehplätze erhalten blieben – die letzten ihrer Art im Stadion, nachdem die Nordtribüne im selben Jahr vollständig zur Sitzplatztribüne geworden war. Nur bei Bedarf, wie etwa bei internationalen Spielen, können die Plätze durch Klappsitze zu Sitzplätzen umgewandelt werden. Darüber hinaus erkämpften die Anhänger mit dem Ostkurvensaal den ersten selbstverwalteten Fan-Raum in einem Bundesligastadion. Nebenan erhielt das Bremer Fan-Projekt seine Arbeitsräume.

Im fünfgeschossigen Mantelbau entstanden zudem neue Umkleidekabinen, ein Fan-Shop, die neue Werder-Geschäftsstelle sowie das Jugendinternat. Hinzu kam die erste Großraumloge Deutschlands mit 700 Plätzen und angeschlossenem Restaurant. West- und Ostkurve erhielten 50 Quadratmeter große Farb-Videowände. 

Das Stadion wird tiefergelegt

Ende des vergangenen Jahrtausends befeuerte die – letztlich enttäuschte – Hoffnung, zum WM-Stadion 2006 zu werden, weitere Ausbaupläne. Die Absenkung des Innenraums um 2,10 Meter ermöglichte 2002 den Einbau neuer Tribünen für 8.000 Zuschauer. Die Tartanbahn wurde auf den Längsseiten entfernt und mit mobilen Tribünen überbaut, die für Leichtathletikveranstaltungen demontiert werden sollten. Zwei Jahre später erhielt die Nordtribüne einen neuen Mantelbau mit Tiefgarage, einem Platinrang mit 384 Plätzen sowie 33 weiteren Logen, die den Zuschauerkomfort noch einmal steigerten. Außerdem zogen hier die Geschäftsstelle und das WUSEUM ein.

Die Arena ist fertig

Der bislang letzte große Umbau erfolgte zwischen 2008 und 2011. Die Laufbahn verschwand endgültig, Ost- und Westkurve wurden begradigt und näher an das Spielfeld herangerückt. Gleichzeitig erhielt das Stadion ein neues Dach und eine markante Fassade mit integrierten Photovoltaikmodulen.

Im Inneren wurden die Kapazitäten im VIP-Bereich erweitert sowie Medien-, Sicherheits- und Trainerbereiche umfassend modernisiert. Damit war der jahrzehntelange Wandel vollendet: Aus der einstigen Mehrzweckanlage war eine moderne Fußballarena geworden.

Wunder aus Beton

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