Eine Stadt sucht ein Stadion

Das Weserstadion ist nicht vom Himmel gefallen. Seine Eröffnung am 17. Oktober 1926 war das Ergebnis zahlreicher Umbrüche zu Beginn des 20. Jahrhunderts – im Sport, in der Stadtentwicklung und in der Gesellschaft. Zugleich erfüllte sich ein lang gehegter Wunsch: eine große, moderne Sportstätte für eine Stadt, in der der Sport und insbesondere der Fußball immer wichtiger wurde.

Spiel und Sport in der Pauliner Marsch

Um 1900 lief den Turnern die Jugend davon. Wer sich für Sport interessierte, wollte lieber im Freien und häufig gerne mit Bällen aktiv sein. Da half es den Turnern auch nicht, den aus England stammenden Fußball als undeutsche „Fußlümmelei“ zu diffamieren. In Bremen entstanden früh Fußballvereine, zumeist in Eigenregie der aktiven Jugendlichen. Der Bremer Sportclub von 1891, einer der ältesten Fußballvereine der Stadt, zog bereits 1900 in die Pauliner Marsch - und blieb dort nicht allein.  

Die Pauliner Marsch - bis zum Bau des Weserwehrs ein reines Überschwemmungsgebiet - entwickelte sich zu einem beliebten und vielfach genutzten Sport- und Spielgelände.  Unter dem Namen „Spielplatz am Peterswerder“ wurde es vom „Verein zur Beförderung des Spiels im Freien“ verwaltet, einem bereits 1884 gegründeten Zusammenschluss von Kaufleuten und Senatoren. 

Im Jahre 1899 wurde auf der anderen Weserseite - also auf dem Stadtwerder - der Fußball-Verein „Werder“ Bremen gegründet, aus dem später der SV Werder Bremen wurde. Schon vor dem Bau der ersten Tribüne lieferte er sich mit dem Bremer Sportclub hart umkämpfte Stadt-Derbys. Ab dem 10. Oktober 1909 vervollständigte auf Initiative des „Vereins zur Beförderung des Spiels im Freien“ eine große, überdachte Holztribüne den Spielplatz Peterswerder. Der „Tribünenplatz am Peterswerder“ war geboren.

Eine Stadt sucht ein Stadion

Mit der Weimarer Republik begann eine gesellschaftliche Öffnung, die auch den Sport erfasste. Die Vereine erweiterten ihr Angebot, die Mitgliederzahlen stiegen, und der Fußball gewann geradezu massenhaft an Zuspruch. In vielen deutschen Städten entstanden große Stadien. Auch in Bremen wurde der Ruf nach einer zentralen Sportstätte lauter. Für Derbys, Städtevergleiche, größere Veranstaltungen bis hin zu internationalen Begegnungen fehlte ein geeignetes Stadion.  

Zum bedeutendsten Akteur in der Pauliner Marsch wurde der Allgemeine Bremer Turn- und Sportverein (ABTS), der 1919 aus der Fusion des Bremer Sportclubs von 1891, des Allgemeinen Bremer Turnvereins und des Schwimmclubs von 1855 hervorging. Bereits 1920 entstanden im ABTS erste Pläne für eine große „Kampfbahn“ auf dem Peterswerder. Das Projekt umfasste nicht nur ein Stadion, sondern auch ein Schwimmbad, Tennis- und Hockeyanlagen sowie weitere Sportflächen. Besonders die Integration eines Bades erwies sich als geschickter Schachzug. Die Austragung der Deutschen Schwimmmeisterschaften 1925 war an dessen Fertigstellung gebunden. Das erhöhte den politischen Druck.  

Jede Menge Streit

Druck war nötig, denn zahlreiche finanzielle und politische Widerstände mussten überwunden werden. Anwohner gründeten eine Interessengemeinschaft gegen das Vorhaben und forderten, den „Schausport“ Fußball an einen anderen Ort zu verlegen. Gleichzeitig belasteten steigende Kosten das Projekt. Der ABTS steckte zwar sein gesamtes Vermögen in den Bau, erhöhte die Mitgliedsbeiträge, beschloss Sonderabgaben und sammelte jede Menge Spenden ein - am Ende stand er dennoch mit einer Schuldenlast von 1 Million Reichsmark da. In Zeiten der beginnenden Wirtschaftskrise zum Ende der 1920er Jahre waren die erforderlichen Bürgschaften durch die öffentliche Hand ein Dauerthema.  

An den Bauarbeiten waren neben den beauftragten Firmen und freiwillig tätigen Vereinsmitgliedern auch sogenannte Notstandsarbeiter beteiligt. Der Einsatz dieser vom Arbeitsamt zugewiesenen, gering entlohnten Erwerbslosen war insbesondere in den Arbeiterparteien umstritten. Arbeitsunfälle und Streiks verschärften die Spannungen auf der Baustelle. 

(Bild: Staatsarchiv Bremen, 2026)

Ein Stadion für alle: die ABTS-Kampfbahn

Trotz aller Schwierigkeiten entstand eine der modernsten Sportanlagen ihrer Zeit. Zunächst wurde die Holztribüne von 1909 wieder abgebaut und das Stadionbad fertiggestellt – schließlich standen die Deutschen Schwimmmeisterschaften von 1925 vor der Tür. 

Dann waren die Sportflächen an der Reihe, anschließend die Zuschaueranlagen und die Gastronomie. Die 1926 eingeweihte markante Südtribüne wurde zum Herzstück des Stadions und blieb es für viele Jahrzehnte. Mit den Gesellschafts- und Wirtschaftsräumen in der Tribüne war das Gesamtprojekt schließlich vollendet.  

Das neue Stadion wurde als „ABTS-Kampfbahn“ zur zentralen Sportstätte Bremens. Hier trafen sich Schulsport, Vereinssport und große Wettkämpfe verschiedenster Disziplinen. Auf der für 12.000 Zuschauer konzipierten Tribüne saßen Honoratioren und Prominente. Die meisten Zuschauer standen auf den aufgeschütteten Wällen rund um das Spielfeld – von diesem nur durch die Laufbahn getrennt. Im Eröffnungsspiel besiegte Werder Bremen den ABTS am 17. Oktober 1926 mit 6:5.  

Eine Stadt sucht ein Stadion

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